Zu seinem Besten …

Harald Stollmeier am 3. Mai 2018

Alfie Evans ist tot. Es hat etwas länger gedauert, als die behandelnden Ärzte erwartet hatten, besonders nach Abschaltung der künstlichen Beatmung. Vorgesehen war, dass der nicht ganz zwei Jahre alte Junge wenige Minuten später tot sein würde. Als das Kind wider Erwarten weiteratmete, half man nach: durch Einstellung, später möglicherweise Reduzierung von Flüssigkeits- und Nährstoffzufuhr nach, all das dem Vernehmen nach „zu seinem Besten“.

Eine besondere Dramatik erhielt der Vorgang dadurch, dass Alfies Eltern dagegen waren. Sie wollten ihr Kind wenigstens nach Hause holen, idealerweise sogar nach Italien bringen, wo es in der vatikanischen Gemelli-Klinik, wahrscheinlich rein palliativ, also nur leidenslindernd, bis zu seinem Tod weiterbehandelt worden wäre, übrigens ohne Kosten für das britische Gesundheitssystem. Das Alder Hey-Krankenhaus verweigerte die Entlassung des Kindes und setzte gerichtlich durch, dass Alfie an Ort und Stelle nicht nur zu bleiben sondern auch zu sterben habe, und zwar zeitnah. Proteste und Hilfsangebote aus aller Welt, auch von Papst Franziskus, blieben erfolglos.

Die Befürworter dieses Handelns, darunter auch Menschen, die ich schätze, betonen den Wert eines „würdigen Sterbens“ anstelle eines Transportes in ein anderes Land und anstelle einer Lebensverlängerung „um jeden Preis“. Einige gehen sogar so weit zu erklären, dass man in manchen Fällen das Kind vor den Eltern schützen müsse (was ich z. B. bei Bluttransfusionen für Kinder von Zeugen Jehovas auch so sehe – aber da wird das Leben des Kindes gerettet).

In der Debatte über den Umgang mit Alfie Evans vermengen sich mehrere Fragen. Die erste ist am leichtesten zu beantworten: Muss ein Krankenhaus, muss ein Gesundheitssystem auch bei fast sicherer Unheilbarkeit weiterhin eine Heilung anstreben? Grundsätzlich Nein, denn bei endlichen Ressourcen würde das unweigerlich bedeuten, dass anderen Patienten, nämlich solchen mit Heilungsaussichten, weniger Ressourcen zugeteilt werden, als sie brauchen. Ob man das Wort „Rationierung“ verwendet oder nicht: Gerade in der intensivmedizinischen Versorgung sind Entscheidungen über den Einsatz der Mittel unvermeidbar. Natürlich wird ein Krankenhaus bei solchen Entscheidungen Faktoren wie den Wunsch des Patienten, sein Alter und seine sonstige Verfassung berücksichtigen.

Die zweite Frage lautet: Wenn man einen Patienten nicht mehr heilen kann, ist das Gesundheitssystem dann verpflichtet, ihm gleichwohl Ressourcen zukommen zu lassen, die sein Leiden in der verbleibenden Zeit lindern? Grundsätzlich Ja, denn die unveräußerliche Menschenwürde des Patienten gibt ihm das Recht auf solchen Beistand. Je stärker das Leiden des Patienten und je geringer die verbleibende Lebensqualität sind, desto eher wird man bereit sein, zum Zweck der Linderung des Leidens auch eine Verkürzung des Lebens in Kauf zu nehmen.

Gibt es aber auch einen Zeitpunkt in solch einem Prozess, zu dem die Linderung des Leidens identisch ist mit der Verkürzung des Lebens? Einen Zeitpunkt, zu dem die Herbeiführung des Todes das Beste ist, was man für den Patienten tun kann? Im Gedankenexperiment sind Fälle konstruierbar, in denen das so ist. Unerträgliche Schmerzen bei gleichzeitigem Fehlen jeglicher Schmerzmittel sind so ein Fall. In der Praxis ist so etwas allerdings selten.

Aber auch in solchen Fällen ist noch nicht klar, ob das Krankenhaus, das Gesundheitssystem dann auch berechtigt oder gar verpflichtet ist, den Tod herbeizuführen. In jedem Fall wird man den Willen des Patienten zu berücksichtigen haben, gegebenenfalls seinen mutmaßlichen Willen und ansonsten den Willen seiner gesetzlichen Vertreter. Die Herbeiführung des Todes gegen den Willen des Patienten ist in keinem Rechtssystem zugelassen.

Wie ist das aber, wenn der Patient sich nicht äußern kann? Und wenn die gesetzlichen Vertreter anderer Ansicht sind als, sagen wir, das Krankenhaus? Wer setzt sich dann durch? Immer die gesetzlichen Vertreter? Immer das Krankenhaus? Immer das Leben? Oder immer der Tod? In Alfies Fall kommt noch der Kunstgriff hinzu, dass das Krankenhaus zulasten der unkooperativen Eltern als gesetzlicher Vertreter Alfies anerkannt wurde.

Das Rationierungsproblem in der ersten Frage war im Falle von Alfie Evans doppelt gelöst, erstens weil die Beendigung der curativen Behandlung im Ermessen des Krankenhauses lag, zweitens weil die Gemelli-Klinik und andere Helfer die weitere Behandlung übernehmen wollten. Soweit auch die palliative Behandlung ein Rationierungsproblem mit sich gebracht hätte, war dieses deshalb ebenfalls gelöst.

Insofern war es schlüssig, dass die Befürworter der Herbeiführung des Todes argumentierten, diese sei in Alfies „best interest“, also zu seinem Besten, gegebenenfalls ,und in diesem Fall mit Sicherheit, auch gegen den Willen der Eltern.

Ist es möglich, so etwas überhaupt zu sagen? Und falls ja, wer soll so etwas entscheiden können? In England ist die Rechtslage jetzt eindeutig: Gerichte können entscheiden, ja, Gerichte haben entschieden, dass es legal sein kann, wenn ein Krankenhaus mit Hilfe der Polizei einen Patienten festhält, um „zu seinem Besten“ seinen Tod herbeizuführen.

Damit ist noch nicht klar, wie das Krankenhaus dieses Recht erwirbt. Eine zurückhaltende Definition wäre: mit dem Zustandekommen eines Behandlungsvertrages. Eine großzügigere könnte lauten: mit dem Bekanntwerden des Gesundheitszustandes des Patienten. Dann könnte Anzeige erstattet werden, und die gesetzlichen Vertreter des Patienten müssten diesen zu Untersuchung bringen, damit ein Krankenhaus, womöglich gedeckt durch ein Berufungskrankenhaus, fachlich sauber ermitteln könnte, welches weitere Vorgehen „zum Besten“ des Patienten sei.

Konsequenterweise könnten dann die Menschen, die dem „best interest“ des Patienten Steine in den Weg legen, auch dafür bestraft werden, was in der Praxis natürlich immer eine Frage der Verhältnismäßigkeit sein wird.

Wenn nicht ein Gesetz, so wird nach und nach die Gerichtspraxis klären, ab welcher Diagnose, oder, allgemeiner, ab welchem QALY-Wert – in Großbritannien gibt es für Rationierungsentscheidungen ja schon heute das „quality adjusted life year“, die Herbeiführung des Todes dem Wohl des Patienten dient.

Es ist oft sinnvoll, den möglichen Konsequenzen ethisch bedeutsamer Entscheidungen nachzugehen, eine Sache „zu Ende zu denken“. Aber auch wenn Wilhem Busch Recht hat mit seinem Diktum „Der liebe Gott muss immer ziehen, dem Teufel fällt’s von selber zu“, steht der bösestmögliche Ausgang einer Entwicklung alles andere als fest.

Ärzte können erklären, dass sie eine solche Macht über Leben und Tod ablehnen, weil sie das kostbare Vertrauen des Patienten zum Arzt von vornherein vergiftet.

Bürger können erklären, dass der Staat weder selbst das Recht hat, den Todeszeitpunkt eines Menschen zu bestimmen, noch Dritten ein solches Recht zusprechen kann.

Philosophen können erklären, dass nur der Betroffene selbst entscheiden kann, ob für ihn der Tod besser ist als das Leben.

Und Christen können bekennen, dass der Tod nicht das letzte Wort ist. Auch nicht für Alfie Evans.

Daran glaube ich.

 

 

Anhang: Publikationen zum Fall Alfie Evans

BBC

Welt

Welt: Interview mit dem Intensivmediziner Nikolaus Haas

 

 

 

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Tafeln in Not

Harald Stollmeier am 26. Februar 2018

In vielen deutschen Städten gibt es Tafeln – ich selbst bin Mitglied bei der Tafel Duisburg. Ich habe Unterstützer, Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Kunden kennengelernt. Letztere sind ein weites Feld, von alten Frauen mit schmaler Rente über Migranten und Flüchtlinge bis zu drogenabhängigen Obdachlosen. Je weiter diese Menschen von einer bürgerlichen Normalität entfernt sind, desto wichtiger ist für sie die Hilfe der Tafel; für manche von ihnen ist die Begegnung mit den Tafel-Helfern (meistens Helferinnen) die einzige, bei der sie ihre Menschenwürde spüren.

 

Tafelkunde Thomas: “Für mich ist die Tafel mein Lebensmittelpunkt; meine zweite Familie.” (Bild: Tafel Duisburg)

 

Ich nehme das Engagement der ehrenamtlichen Helferinnen bei der Tafel Duisburg als zutiefst christliches Handeln wahr, auch wenn dieses Motiv kaum zur Sprache kommt, und ich glaube, dass diese Frauen (und Männer) eine gute Chance haben, in den Himmel zu kommen.
Anders als manche Kritiker in Politik und Medien, die sich in Rassismusvorwürfen überbieten, glaube ich das auch vom Team der Tafel Essen, das vor ein paar Tagen in allerdings ungeschickter Weise wegen Überlastung die Notbremse gezogen und die Neuaufnahme ausländischer Kunden gestoppt hat. Ich bezweifle, dass auch nur einer der Rassismusrufer sich Gedanken darüber gemacht hat, wie es weitergehen soll. Der Normalfall bei einer erfolgreichen Stigmatisierung als Nazi-Verein ist nämlich das Ende des betroffenen Vereins, weil entweder die Helfer wegbleiben oder die Spender oder beides. Die Wahrscheinlichkeit dürfte gering sein, dass die Rassismusrufer anschließend eine neue, bessere Tafel gründen, bei der dann alles zum Besten steht.
Gleichwohl ist diese Krise Anlass zu fragen, was Tafeln eigentlich erreichen können. Nachhaltig helfen können die Tafeln offenbar nur einer Minderheit ihrer Kunden. Es ist aber ungerecht, deswegen (man liest das in diesen Tagen oft) den Tafeln mangelnde Nachhaltigkeit vorzuwerfen. Die Tafeln sind ja überhaupt nur entstanden, weil schon vorher die Nachhaltigkeit gefehlt hat. Wer ausgerechnet den Tafeln vorwirft, dass sie Armut und Ausgrenzung nicht heilen können, der würde auch die Feuerwehrleute für den Ausbruch des Feuers verantwortlich machen.
Tafeln lindern Armut. Tafeln lindern Einsamkeit. Heilen können Tafeln beides nicht. Heilung anzustreben ist edel und gut – aber nicht zulasten der Linderung. Ich bleibe bei der Tafel.

Spendenkonto der Tafel Duisburg:
Sparkasse Duisburg
Kontonr. 200 220 150
BLZ 350 500 00
IBAN: DE61 3505 0000 0200 2201 50
BIC: DUISDE33XXX

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Horror mit feiner Feder

Harald Stollmeier am 2. Juni 2017

Buchbesprechung: Claudia Sperlich, Die Befreier, tredition 2017, 105 Seiten, 7,99.

Die Berlinerin Claudia Sperlich ist bislang vor allem mit Liedern und Gedichten in Erscheinung getreten, die Zeugnis von christlicher Auferstehungshoffnung ablegen. Mit ihrem neuen Kurzgeschichtenband Die Befreier beweist sie, dass sie das Zeug zu einer Horror-Autorin hat. Da gibt es zum Beispiel einen nicht näher bestimmten Rotary Club, wo man als Künstler nur unter größter Vorsicht auftreten sollte. Und das „Amt für Weiteres“, wo man ohne Lateinkenntnisse zum Teufel geht, das meidet man am besten ganz.

Dreizehn Geschichten reihen sich in Claudia Sperlichs neuem Büchlein scheinbar unschuldig aneinander und erinnern an Kafka („Das Amt“), Stanilaw Lem („Die Befreier“) und Edgar Allan Poe („Weihnachtsfeier mit Autorenlesung“). Alle Geschichten zeichnet eine aufmerksame Feinfühligkeit aus, verbunden mit dem Verzicht auf Verurteilungen. Um so kälter läuft es dem Leser den Rücken herunter, wenn ihm selber klar wird, womit er es zu tun hat, um so mehr, wenn der Sprecher sich nicht als böse versteht sondern als gut und beispielsweise aufrichtig hofft, dass man eines Tages keine behinderten Föten mehr entsorgen muss („Genetisch einwandfrei“).

Die Welt, in der Sperlichs Geschichten handeln, ist erkennbar unsere, leicht überzeichnet. Stellenweise nur sehr leicht: Wenn einer Arbeitslosen die Leistungen gestrichen werden, weil sie nicht als “Vollstreckerin” arbeiten will („Ein Job fürs Leben“), dann ist die Analogie zu Hebammen oder Ärzten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, weil sie nicht an Abtreibungen mitwirken wollen, nur deshalb nicht sofort offensichtlich, weil Deutschland keine Todesstrafe hat.

Das Büchlein lohnt sich, kostet nicht viel (im Paperback 7,99 Euro) und macht Appetit darauf, dass Claudia Sperlich einmal etwas richtig Langes schreibt.

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#PinkFirst – eine Aktion für die Rechte der Frauen.

Caroline Stollmeier am 8. März 2017

Liebe Mit-Frauen, liebe Andere,

anlässlich des Weltfrauentags heute hat BRIGITTE die Aktion #PinkFirst ins Leben gerufen, der ich mich gerne anschließen möchte. Nicht nur, weil ich pink super finde ( 😉 ) und schon lange auf die Gelegenheit gewartet habe, diesen pinken Nagellack zu tragen, sondern vor allem natürlich, weil ich die Statements (siehe unten) total nachvollziehbar finde. (Was ich allerdings weniger nachvollziehen kann, ist, warum man das alles heutzutage überhaupt noch einfordern muss. Sollte dieser Umgang nicht nur mit Frauen, sondern natürlich auch mit Männern nicht inzwischen selbstverständlich sein…?!)

Mir liegt eine der Aussagen von #PinkFirst ganz besonders am Herzen: „Frauen wollen in Freiheit entscheiden – ob und wann sie Kinder wollen.“ Genau!

Für mich fängt es damit an, dass selbstverständlich keine Frau zum Sex gezwungen oder manipuliert werden darf. Es geht damit weiter, dass jede Frau frei sein sollte zu entscheiden, ob und wie sie Schwangerschaften verhütet und dass der beteiligte Mann diese Freiheit respektiert. Ganz praktisch würde das vielleicht auch mal Abstinenz in den fruchtbaren Tagen bedeuten, wenn man auf Nummer Sicher gehen möchte. Frauen sind eben keine allzeit verfügbare Ware!

Aber Sex macht nun mal schwanger. Und deshalb schließt diese Forderung natürlich auch die Frage ein, wie mit einer möglichen ungeplanten Schwangerschaft umgegangen wird. Ich finde es existenziell, dass jede Frau in dieser Situation echte Freiheit hat! Und das bedeutet für mich vor allem, dass sie nicht von ihrem Partner, ihren Eltern, ihren Freunden oder irgendwelchen Moralvorstellungen unter Druck gesetzt wird. Wer Angst haben muss, plötzlich mit einem Kind alleine dazustehen, den Job zu verlieren oder gar zuhause rausgeschmissen zu werden, hat keine echte Freiheit. Und Angst ist ein schlechter Ratgeber.

Ist ein Kind erstmal entstanden, wird es für seine Mutter nie wieder so sein, als habe es dieses Kind nicht gegeben. Unabhängig davon, ob sie das Kind bekommt oder es abtreibt. Deshalb möchte ich dem #PinkFirst-Statement noch hinzufügen: Jede Frau hat das Recht, die bestmögliche Beratung und Hilfe zu bekommen, sollte sie ungeplant schwanger geworden sein. Niemand darf sie zu einem Schritt drängen, den sie im Grunde ihres Herzens nicht gehen möchte.

 

 

 (Um mein Video zu sehen, klicken Sie bitte auf das Bild.)

 

 

#PinkFirst – eine Aktion für die Rechte der Frauen:

> Frauen wollen in Frieden leben – ohne belästigt, diskriminiert oder misshandelt zu werden. Ohne für ihr Aussehen, ihre Herkunft oder ihren Glauben angegriffen zu werden. Ohne sich um die Zukunft sorgen zu müssen.

> Frauen wollen in Freiheit entscheiden – ob und wann sie Kinder wollen. Ob sie Hausfrau oder Vorstandsvorsitzende sein wollen. Was sie anziehen, wie sie leben, ob sie Männer lieben oder Frauen.

> Frauen wollen gleiche Rechte – das Recht auf gleichen Lohn für gleiche Arbeit, auf Karriere und alle Möglichkeiten, die auch Männer haben. Darauf, sich einzumischen und ihre Meinung zu sagen, ohne dafür beleidigt oder bedroht zu werden.

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Fastenzeit – Leidenszeit?

Caroline Stollmeier am 1. März 2017

Der Aschermittwoch ist für Christen ja irgendwie so ähnlich wie der erste Januar für alle. Es ist die Zeit der „guten Vorsätze“, die häufig etwas mit Verzicht zu tun haben. Das Gute an der Fastenzeit ist: sie dauert „nur“ 40 Tage. Aber auch die können lang werden…

Das ist jetzt nur eine Meinung und kein Dogma, aber ich finde, dass die Fastenzeit eine sehr persönliche Sache ist. So wie damals, als Jesus in die Wüste gegangen ist: Es ging nur um ihn und um den Vater. Und daraus konnte Wundervolles entstehen.

Bestimmt ist es gut, ganz oder teilweise auf Dinge zu verzichten, die einem schaden oder die einen über Gebühr in Anspruch nehmen. (Das allerdings nicht nur bis Ostern…) Aber die Fastenzeit ist mehr als eine Diät. Sie ist ein Raum, in dem Neues entstehen kann.

Ich stelle mir das so vor wie mit einem überwucherten Garten. Wenn man möchte, dass dort im Frühjahr schöne Blumen oder schmackhaftes Gemüse wachsen, dann muss man vorher eine kleine Ecke oder ein ganzes Beet frei räumen von Unkraut, Steinen und sonstigen Störenfrieden. Erst dann hat die neue Saat eine Chance aufzugehen.

Insofern ist die Fastenzeit nicht nur eine Zeit des Verzichts, sondern auch der Befreiung.

Ich finde es vollkommen in Ordnung, wenn Menschen sagen, dass und wie sie fasten. Aus verschiedenen Gründen: Ich nehme an, es motiviert sie zusätzlich, wenn sie sich auf diese Weise eine „Kontrollgruppe“ geschaffen haben. Außerdem sind sie so vielleicht auch eine Inspiration (aber zumindest eine Erinnerung) für andere.

Andererseits warnt uns die Bibel davor, zu viel Aufhebens vom eigenen Fasten zu machen: „Wenn ihr fastet, dann setzt keine Leidensmiene auf wie die Scheinheiligen. Sie machen ein saures Gesicht, damit alle Welt merkt, dass sie fasten. Ich versichere euch: Sie haben ihren Lohn schon kassiert.“ Sie dürfen deshalb unter Umständen keinen Lohn von Gott mehr erwarten. Und das ist ja irgendwie nicht Sinn der Sache…

Wie gesagt, letztlich ist Fasten seine sehr persönliche Sache. Es dient am Ende dem Guten, wenn es in der richtigen Haltung praktiziert wird. Aber niemand kann einem anderen ins Herz schauen. Und deshalb finde ich Diskussionen (und seien sie auch noch so theoretisch) drüber, ob jemand richtig fastet oder nicht, völlig überflüssig.

Eine meiner Bekannten teilte heute über ihr Facebook-Profil mit: „Fastenzeit: Ich verzichte auf Dinge, die mich traurig machen, Menschen, die mir mein Lächeln rauben, Gedanken, die meinen Weg blockieren.“ So kann man es auch machen.

Vielleicht habt Ihr ja mal Lust von Euren Erfahrungen mit dem Fasten zu erzählen? (Und damit es keine Missverständnisse oder Bauchschmerzen gibt, denkt dabei doch einfach an zurückliegende Jahre und nicht an heute!) Vielleicht könnt Ihr so andere Menschen inspirieren und ermutigen, die Liebe und das Wirken Gottes ganz neu zu erfahren.

Ich werde selber gleich mal den Anfang machen…

 

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Die gelbe Ampel und Du

Caroline Stollmeier am 21. Februar 2017

Heute hat eine Freundin, die ich sehr schätze, etwas sehr Wertvolles mit mir geteilt: das Bild von der Ampel. Sie hat erklärt, dass es manchmal, wenn man Menschen mit einer bestimmten Botschaft erreichen möchte, so ähnlich ist wie im Straßenverkehr:

Bei einigen Menschen steht die Ampel einfach auf „rot“, wenn es um ein bestimmtes Thema geht. Wenn man das übersieht oder ignoriert und trotzdem losfährt, dann kann es zu einer direkten Konfrontation oder einem Unfall kommen. Wenn man Glück hat, kommt man unbeschadet davon, wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Und etwas Gutes entsteht dabei auch nicht. Das sollte man also lieber lassen.

Bei manchen Menschen steht die Ampel auf „grün“. Diese signalisieren schon von sich aus, dass sie offen für ein Thema sind und laden einen geradezu ein, „loszufahren“. Bei diesen Menschen wäre es fast schon sträflich, mit seiner Meinung hinter dem Berg zu halten und einem Gespräch aus dem Weg zu gehen. Also, Vollgas!

Und dann gibt es da noch die Menschen, deren Ampel auf „gelb“ steht. Das sind die Situationen, in denen man sich umsichtig und langsam vortasten kann. Die Ampel wird bald umschalten – aber es ist noch offen, in welche Richtung. Und gerade das macht diese Begegnungen besonders spannend und chancenreich.

Im Moment ist das Thema Abtreibungen in den Medien präsent wie lange nicht mehr. Ein deutscher Chefarzt musste seinen Posten räumen, weil er seinen hippokratischen Eid zu ernst genommen hat, sich auf seine Gewissensfreiheit berufen hat und nicht wollte, dass in seiner Abteilung Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Junge Frauen berichten in Online-Medien und in persönlichen Videobotschaften von ihren Schwangerschaftsabbrüchen und wie es dazu kam. Die Klägerin im berühmt gewordenen Gerichtsprozess „Roe vs. Wade“ ist unlängst verstorben, was diverse Medien als Anlass zur Berichterstattung genommen haben. Der Prozess um Norma McCorvey hatte in den USA im Jahr 1973 zu einer faktischen Legalisierung von Abtreibungen bis kurz vor den Geburtstermin geführt. Später war McCorvey Christin geworden und hatte sich bis zu ihrem Tod dafür eingesetzt, dass dieses Gerichtsurteil wieder aufgehoben wurde, was ihr allerdings nicht gelang. Das spezielle Thema Spätabtreibung bei Verdacht auf Down Syndrom findet Eingang in Kinofilme und öffentlich-rechtliche Berichterstattung. Blogger und Publizisten – außerhalb der Reihen der „üblichen Verdächtigen“ – mischen sich ein.

Auch, wenn nicht immer alles erfreulich ist und den eigenen Vorstellungen entspricht, was zu lesen und zu sehen ist, hat die mediale Aufmerksamkeit doch ein Gutes: die „gelben Ampeln“ bekommen vielleicht den nötigen Impuls, der ihnen bisher gefehlt hat, um umzuschalten.

Gehörst Du zu den Menschen, die beim Thema Abtreibung der Ansicht sind, dass eine Frau das „ganz alleine entscheiden muss“ oder die sich einfach noch gar nicht damit beschäftigt haben? Dann bist Du vielleicht so eine gelbe Ampel. Du empfindest im Grunde Wohlwollen mit den betroffenen Frauen, möchtest sie nicht bevormunden? Vielleicht ist es aber auch eine Spur von Unwillen oder einfach Unverständnis? Vielleicht fühlst Du Dich bei diesem Thema rat- oder hilflos? Aber was auch immer dich bewegt bzw. kalt lässt, Deine Meinung ist vielleicht einfach noch nicht „fertig“. Und dabei spielt es keine Rolle, wie alt Du bist!

Wenn Du besser verstehen möchtest, wie es Frauen im Schwangerschaftskonflikt wirklich geht und was sie noch viel mehr brauchen als „Neutralität“, dann kann ich Dir nur ans Herz legen, den „Jahresbericht“ der Frauenhilfsorganisation Pro Femina zu lesen, dem die Erfahrungen aus tausendfacher Schwangerenberatungen zugrunde liegen. Es fängt schon damit an, dass Du große Überraschungen erleben kannst, wenn Du mehr über die wahren Ursachen von Schwangerschaftskonflikten erfährst. „Finanzielle Probleme“ oder gar „Vergewaltigung“ werden von den betroffenen Schwangeren beispielsweise wesentlich seltener angeführt, als „Druck durch den Partner“ oder „Überforderung“.

Ich möchte Dich kurz fragen: Steht Deine Ampel auf „gelb“, wenn es um das Thema Abtreibungen geht? Dann ist vielleicht JETZT die Zeit, Dir eine fundierte Meinung zu bilden. Nicht politisch, nicht ideologisch, nicht religiös, sondern ganz konkret.

Es ist schon ein paar Jahre her, da hat mir eine andere Freundin mal gesagt: „Ich kann nicht gegen Abtreibungen sein, denn eine Freundin von mir hat auch schon mal abgetrieben. Und wenn ich nun sage, dass ich dagegen bin, dann falle ich ihr doch irgendwie in den Rücken.“ Diese Aussage hat mich lange bewegt. Ich habe selber auch Freundinnen, die früher mal abgetrieben haben. Mehrere. Und ich bin überzeugt, die hat jede/r (bei 100.000 Abtreibungen pro Jahr ist das schon rein statistisch gesehen sehr wahrscheinlich…). Sie haben damals keinen anderen Ausweg gesehen, hatten weder echte Hilfe noch Vertrauen in die eigene Kraft und Stärke. Mindestens eine von ihnen bereut es heute zutiefst. Keine von ihnen ist stolz diesen Schritt gegangen zu sein.

Auch diese Freundinnen haben mir gezeigt, dass ein Schwangerschaftskonflikt nicht mit „Neutralität“ zu lösen ist. Denn nur wer festen Grund unter seinen Füßen hat, kann stabil stehen – und außerdem noch andere stützen. Ein klares Ja zum Leben ermöglicht Entscheidungen, auf die man auch im Nachhinein noch mit dem sicheren Gefühl das Richtige getan zu haben, zurückschauen kann.

Selbstverständlich entscheidet letztlich die Schwangere, ob sie abtreibt oder nicht! Aber eine echte Entscheidung kann man nur treffen, wenn man wirklich alle Alternativen und Perspektiven kennt, die man selber hat. Eine Entscheidung, die unter Druck oder Hilflosigkeit getroffen wurde, ist keine.

Frauen, die abgetrieben haben, sind deshalb nicht schlechte Menschen. Sie tragen diese Erfahrung ihr Leben lang mit sich. Und das ist – für die meisten – schon schwer genug. Da brauchen sie nicht auch noch Vorwürfe und Verurteilungen von Außenstehenden!

Aber wenn es Dir möglich ist, die Last, die eine ungeplante Schwangerschaft im ersten Moment zu sein scheint ein Stück des Weges mitzutragen – natürlich am besten bevor es zur Abtreibung kommt – dann pack an! Lass Deine Ampel grün leuchten, wenn es um Schwangere geht, die Hilfe brauchen. Begegne ihnen tatkräftig und mit Freude am Leben.

Und lass dabei immer die Liebe das letzte Wort haben.

 

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Hilfe ist nicht politisch!

Caroline Stollmeier am 8. Februar 2017

In der morgigen Ausgabe der „Tagespost“ erscheint ein Gastkommentar von Kristijan Aufiero, Initiator und Leiter von 1000plus („Hilfe statt Abtreibung“), in dem er Stellung zur aktuellen Diskussionen rund um die tatsächliche Anzahl von Schwangerschaftsabbrüchen in Deutschland nimmt. Auch wir haben uns bereits in der Vergangenheit mit den „Todesstatistiken“ auseinandergesetzt.

Neu ist in diesen Tagen allerdings, dass die Kritik an den offiziellen Abtreibungszahlen (die regelmäßig gemeldeten etwa 100.000 sollen womöglich nur ein Drittel der wahren Anzahl sein) nicht von den „üblichen Verdächtigen“ geäußert wurde, sondern vom Betreiber zweier österreichischer Abtreibungskliniken, der im focus online zu Wort kommt.

So gerne wir glauben würden, dass die Zahl der Abtreibungen sinkt – nicht zuletzt natürlich auch durch das unermüdliche Engagement von 1000plus – so realistisch ist es doch, dass die Statistik-Kritiker Recht haben.

„Es besteht leider ein offensichtlicher politischer Unwille, die tatsächlichen Zahlen dieses traurigen Massenphänomens genauer zu eruieren“, schreibt Aufiero. Und weiter führt er aus: „Bei 1000plus beraten wir derzeit weit über 3.500 Schwangere im Jahr. Keine einzige hält die Abtreibung ihres ungeborenen Kindes für eine moralisch gute oder richtige Lösung. Alle benennen äußere Umstände als Ursachen für ihren Konflikt. Es sind umfassende Information, lösungsorientierte Beratung und konkrete individuelle Hilfe, die aus der Perspektive der Frau verantwortungsbewusste Entscheidungen für das Leben möglich machen.“

Die aktuelle Debatte ist in erster Linie politisch. Aber wer in dem Thema „Schwangerschaftsabbrüche“ vorrangig ein politisches sieht, greift mindestens zu kurz, wenn er nicht sogar völlig auf der falschen Fährte ist. Eine ungeplante Schwangerschaft ist kein politisches Problem, sondern in unzähligen Fällen eine existenzielle Notlage für die betroffene Frau – und natürlich auch für ihr Kind oder ihre Familie.

Zahlen von 100.000 oder gar 300.000 Abtreibungen pro Jahr sind so unvorstellbar groß, dass man leicht aus den Augen verlieren kann, dass es sich dabei um ebenso viele einzelne Frauen handelt, die vor der vielleicht schwierigsten Entscheidung ihres Lebens stehen. Jede von ihnen braucht und verdient die bestmögliche Beratung und Hilfe – bei der nur sie ganz alleine im Mittelpunkt steht – damit sie wirklich frei ist für eine Entscheidung, die sie über sich selbst hinauswachsen und auch noch nach Jahren stolz zurückblicken lässt.

Und wer findet, dass es in unserem Land zu viele Abtreibungen und zu wenig Hilfe für Schwangere in Not gibt, kann ganz persönlich (und übrigens völlig unpolitisch) etwas daran ändern – beispielsweise mit seinem Einsatz für 1000plus.

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In eigener Sache: Neuer WhatsApp-Service für unsere Eisvogel-Leser

Caroline Stollmeier am 8. Februar 2017

Liebe Leserinnen und Leser des Eisvogels,

gerade diejenigen von Ihnen, die uns schon länger folgen, können ein Lied davon singen, dass der Eisvogel alles andere als regelmäßig von sich hören bzw. lesen lässt… So sehr wir uns auch wünschten, das wäre anders, so sehr müssen wir doch der Realität unseres (meistens) turbulenten Familienalltags ins Auge blicken und feststellen: So ist es nun einmal. 😉

Damit Sie aber weder andauernd vergeblich auf unsere Seite kommen müssen – und wer macht das schon? – noch neue Artikel verpassen, die Sie vielleicht interessiert hätten, haben wir uns einen neuen Service für Sie ausgedacht: Von nun an können Sie sich jedes Mal darüber informieren lassen, wenn es etwas Neues vom Eisvogel gibt – ganz einfach und direkt per WhatsApp-Nachricht auf Ihr Mobiltelefon.

Alles, was Sie dafür tun müssen, ist uns auf einem Weg Ihrer Wahl Ihre Mobilnummer mitzuteilen. Sie erreichen uns beispielsweise über die im im Eisvogel-Impressum angegebenen Kontaktmöglichkeiten oder mit einer persönlichen Nachricht über Facebook. Selbstverständlich werden wir Ihre Rufnummer nicht an Dritte weitergeben!

Wir freuen uns über einen noch “heißeren” Draht zu Ihnen!

 

Herzliche Grüße aus der Redaktion!

Caroline & Harald Stollmeier

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Der heilige Josef als Erzieher

Harald Stollmeier am 2. Februar 2017

Stellen Sie sich vor, Sie sind mit Ihrem zwölfjährigen Kind in Rom. Bei der Heimreise, auf dem Weg zum Flughafen ist Ihr Kind bei Freunden in der Pilgergruppe. Aber beim Check-in ist es weg. Sie verpassen das Flugzeug und suchen Ihr Kind überall. Am Abend verschwitzt und verzweifelt, gehen Sie zum Petrusgrab, um dort zu beten. Und wer plaudert vor dem vatikanischen Postamt angeregt mit zwei Bischöfen? Richtig: Ihr altkluger Adoptivsohn. Von Ihrer Frau zur Rede gestellt, teilt er Ihnen beiden mit, es sei doch klar gewesen, dass er im Haus seines Vaters habe sein müssen.

Im Lukasevangelium (2, 41-52) steht eine ähnliche Geschichte, ergänzt um die dürren Worte, Jesus sei mit Maria und Josef heimgekehrt und ihnen gehorsam gewesen. Die Information, dass Maria dieses Ereignis in ihrem Herzen bewahrte, ist die Quellenangabe – Lukas kann ja die Geschichten über Geburt und Kindheit Jesu, wenn er sie nicht erfunden hat, nur von Maria selber haben.

Wie würden Sie Ihrem altklugen (Adoptiv-) Sohn begreiflich machen, das sein Verhalten unangebracht war? Falls Sie nicht vorhaben, einfach vor ihm auf die Knie zu fallen und ihn zu preisen, was in den meisten Erziehungssituationen wenig adäquat wäre. Ich selbst sähe mich in meiner eigenen Vaterrolle dazu nicht in der Lage. Dennoch hatte der Beichtvater recht, der mir vor kurzem riet, bei Stress mit meinen Kindern in ihnen das Jesuskind zu sehen und mein Verhalten ihnen gegenüber daran auszurichten. Wie leicht ist man doch zu unfreundlich oder gar zu grob!

Der heilige Josef, ein gerechter und besonnener Mann, der noch dazu wusste, dass es mit seinem Adoptivsohn eine göttliche Bewandtnis hatte, wird wohl eher nicht daran gedacht haben, den Zwölfjährigen an den Ohren aus dem Tempel zu ziehen. Andererseits schreibt Lukas, das Jesus fortan gehorsam gewesen sei: Von diesem Zeitpunkt an verschwindet er für geschlagene achtzehn Jahre aus der Öffentlichkeit, und eingesperrt hat der heilige Josef ihn wohl nicht. Wie hat er das also erreicht?

Zu Beginn seines öffentlichen Wirkens nimmt Jesus an einer Hochzeit teil, der Wein ist ausgegangen, und Maria bittet ihren Sohn um Hilfe; jedenfalls versteht er sie so, und er weist sie zurück. Mit der Aussage: “Meine Stunde ist noch nicht gekommen” (Johannes 2,4). Wenige Minuten später sieht er das anders und sorgt für erstklassigen Wein im Überfluss.

Wahrscheinlich ist der Wortlaut der Reaktion Jesu ein achtzehn Jahre altes Echo des heiligen Josef. Dieser wird seinem Adoptivsohn seinerzeit die Eingangsverse aus dem dritten Kapitel des Buches Kohelet/Prediger vorgetragen haben: “Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine Zeit.” Der Anerkennung des göttlichen Auftrags Jesu hätte Josef jedenfalls seinen eigenen göttlichen Auftrag gegenüberstellen können und die Überzeugung, dass dieser noch nicht erfüllt war: “Deine Stunde ist noch nicht gekommen.”

Was auch immer der göttliche Auftrag meiner Kinder ist – mein eigener lautet ziemlich sicher, sie zu schützen und dazu beizutragen, dass ihre Weisheit zunimmt und sie Gefallen finden bei Gott und den Menschen (Lukas 2, 52).

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Bullshit-Bingo

Caroline Stollmeier am 31. Januar 2017

„Fakt ist, du hast ein scheiß Leben, wenn du ein zu gutes Herz hast.“ Diesen Spruch hat gerade einer meiner Facebook-Freunde „geteilt“ und er wird fleißig „geliket“.

Ich weiß ja nicht, wie Ihr mit der Fülle von (Lebens-) Weisheiten umgeht, die die sozialen Medien seit geraumer Zeit fluten. Ich jedenfalls lese sie meistens (sie sind ja auch aufgrund von Schriftgröße und Farben kaum zu übersehen), like oder kommentiere fast nie, aber bleibe jedes Mal gedanklich einen kurzen Augenblick bei meiner Freundin oder meinem Freund hängen, der das gepostet hat. Klar, manche zählen zu den „üblichen Verdächtigen“, die sich einfach nur über Zustimmung freuen. Aber bei Manchen steckt doch mehr dahinter.

Ich frage mich, wann ist ein solcher Spruch – zumal wenn er Wut, Trauer, Enttäuschung beinhaltet – mehr als nur ein Zeitvertreib? Was steckt wirklich dahinter?

Nun, tatsächlich weiß ich nicht, was meinen Bekannten dazu bewogen hat, heute Morgen diesen Spruch zu unterschreiben. Aber zu dem Spruch selber fällt mir spontan eine Menge ein…

Das Erste ist: Bullshit! – Der Spruch stimmt einfach nicht.

Wollte ich provozieren, dann würde ich vielleicht entgegenhalten: ist dein Leben „scheiße“, ist dein Herz vielleicht einfach noch nicht gut genug!

Aber wer provoziert, dem hört am Ende keiner mehr zu. Also lassen wir das. Ist ja auch nicht nett.

Was ist denn ein gutes Herz?

Ein gutes Herz zu haben bedeutet nicht, sich andauernd ausnutzen zu lassen. Es bedeutet nicht, immer wieder die gleichen Fehler zu machen. Es bedeutet nicht, Anderen ihre Pflichten und Aufgaben abzunehmen, die sie eigentlich selber erfüllen müssten. Wer zu oft versucht die Problem Anderer zu lösen, kann allzu leicht zum Teil genau dieses Problems werden, indem er sie in ihrer Untätigkeit und Abhängigkeit letztlich noch unterstützt. Freundschaften und Beziehungen zerbrechen. Und am Ende ist man selber enttäuscht, unzufrieden und zutiefst verletzt.

Ich glaube, in dieser Hinsicht sind viele Menschen gehörig auf dem Holzweg. Vielleicht auch der ursprüngliche Autor dieser “Fakten” da oben?

Ein gutes Herz ist großzügig, geradezu verschwenderisch mit Aufmerksamkeit, Fürsorge, Freundschaft, Zeit, Geschenken, Liebe, allem Guten eben – und vor allem: Verzeihen. Ein gutes Herz weiß sich selber zu schützen und kennt die unerschöpfliche Quelle von Stärke und Ermutigung.

Fakt ist, es läuft eben nicht immer alles nach unserem Plan. Und Menschen können verletzen und verletzt werden. Man kann krank werden. Oder es kann etwas Anderes gehörig aus dem Ruder laufen. Aber sein ganzes Leben „scheiße“ findet nur derjenige, der verlernt hat, das Gute zu sehen. Doch das kann man immer wieder neu lernen. Es ist eine Entscheidung. Und dafür kann ein Herz gar nicht „zu gut“ sein.

Ich wünsche meinem Facebook-Freund und allen, die diesem Spruch da oben zustimmen, dass sie herausfinden, wie sie ihr Herz besser schützen können. Das heißt nicht hart machen oder undurchlässig. Aber das, was Ihr in Euer Herz rein lasst, macht etwas darin. Beobachtet das. Und lasst es nicht einfach geschehen. Manchmal muss man tatsächlich „nein“ sagen – zu Menschen, zu Filmen, zu Hobbys, zu Situationen – weil einfach nichts Gutes daraus hervorgeht. Weder für einen selber, noch für alle anderen Beteiligten.

Euer Herz ist das Schönste und das Wertvollste, das Ihr habt. Zweifelt nicht ausgerechnet daran. Wenn Ihr so lebt, wie Ihr Euch wünschen würdet, dass es jeder andere genauso täte, dann ändert Ihr die Welt nicht von heute auf morgen. Aber Ihr strahlt. Das beste Leben hat man, wenn man selber spürt, dass man auf dem richtigen Weg ist.

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